Ein Unschuldiger Husten?

Es gibt kaum ein Geräusch, das seit der Corona-Pandemie so aufgeladen ist wie das schlichte Husten. Früher war das ein rein körperlicher Reflex, heute ist es ein gesellschaftliches Minenfeld. Ein kleiner Huster in der Öffentlichkeit, und man spürt sofort: alle Sensoren im Umkreis von fünf Metern schalten auf Alarmstufe Rot.

Wer heutzutage hustet, wird automatisch zum Hauptverdächtigen in einem unsichtbaren Kriminalfall namens „Patient Null Reloaded“. Früher hat man einfach kurz gehustet, sich vielleicht entschuldigt, fertig. Heute ist die Reaktion komplizierter. Man muss fast ein kleines Theaterstück aufführen, um seine Unschuld zu beweisen. Etwa so: „Oh, nein, nein! Kein Corona, kein Virus! Nur ein Krümel im Hals, ich schwöre!“ – während man wild gestikuliert und möglichst unbedrohlich lächelt (was mit Maske übrigens besonders gut funktioniert hat).

Das Problem ist: Ein Hustenanfall lässt sich so schwer stoppen wie ein nie enden wollender WhatsApp-Gruppenchat. Man merkt, es kommt, versucht tapfer gegenzuhalten, aber das Räuspern explodiert doch in voller Lautstärke. Plötzlich starren zehn Menschen, als hätten Sie gerade eine Rauchbombe gezündet.

Ganz egal, warum man hustet: Trockene Luft, Allergie, eine verschluckte Erdnuss, jeder Grund wird ignoriert. Das Publikum sieht nur eins: biologische Bedrohung! Und diese Blicke sagen alles. Da ist der „Bitte-bleib-doch-einfach-zu-Hause“-Blick, der „Ich-fühl-mich-jetzt-schon-infiziert“-Blick und mein persönlicher Favorit: der „Ich-zieh-die-Maske-wieder-hoch-und-schau-dich-nie-wieder-an“-Blick.

Das Ärgerliche daran: Man wird plötzlich zum unfreiwilligen Darsteller in einem sozialen Experiment. Während man innerlich schon die perfekte Ausrede überlegt („Ich bin nur erkältet, ehrlich! Ich mach sogar regelmäßig Tests!“), wünschen sich die Umstehenden vermutlich, dass man per Katapult direkt in die Selbstisolation geschossen wird.

Ironischerweise hat die Pandemie zwar unsere Rücksicht aufeinander gestärkt, aber auch unsere Paranoia perfektioniert. Früher war Husten ein Zeichen, dass jemand vielleicht Tee braucht. Heute bedeutet es: „Gefahr erkannt, bitte Sicherheitsabstand halten.“

Manchmal fragt man sich fast, ob man in Zukunft Warnschilder tragen sollte:

„Ich huste – aber ich bin harmlos.“
Oder vielleicht:
„Nur Staub – keine Pandemie.“

Doch am Ende bleibt das alles ein komisches Missverständnis unserer Zeit: Wir leben in einer Ära, in der ein kleiner Huster mehr soziale Sprengkraft hat als ein politischer Tweet. Und das ist, bei aller Ironie, die wohl absurdeste Nachwirkung der Pandemie: das schlichte, harmlose Husten, das sich plötzlich entschuldigen muss, weil es in der Öffentlichkeit zu laut geworden ist.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Alles geht – nix muss

Seien es Likes auf Beiträge, Follows in den anderen Channels oder Input für weitere unterhaltsame Themen. Ich freue mich über jegliche Unterstützung.

Join the club

Stay updated für die neuesten Absurditäten.