Wie man eine Speise in die Identitätskrise stürzt

Es gibt diese Menschen, die ein Rezept nachkochen wollen und zwar ganz genau so wie im Original, nur eben „mit kleinen Anpassungen“. Kleine Anpassungen klingt ja harmlos. Doch oft bedeutet das: Das Rezept hat danach mit dem Original ungefähr so viel gemein wie ein Origami-Schwan mit einem echten Schwan. Beide haben Flügel, aber nur einer kann fliegen.

Nehmen wir ein klassisches Beispiel. Das Rezept verlangt süßlich-glasierte Bauchfleisch-Stücke, saftig, vollmundig, mit glänzender Sauce. Doch weil Fett irgendwie „böse“ klingt, greift unsere ambitionierte Küchenrebellin lieber zu Hendlbrust. Mager, trocken, verantwortungsbewusst. Das ist, als würde man beim Malen mit Aquarellfarben beschließen, dass man statt Wasser lieber Sand verwendet, ist ja auch natürlich.

Dann steht da was von Glutamat. Ui! In manchen Kreisen löst allein das Wort Glutamat ähnliche Reaktionen aus wie „Atomkraft“ oder „Palmöl“. Also raus damit. Leider schmeckt das Gericht danach wie der akustische Unterschied zwischen einem Symphonieorchester und einem einsamen Triangelspieler. Aber immerhin: ohne Schuldgefühle.

Zucker kommt als nächstes auf den Prüfstand. Zucker, das weiße Teufelspulver! Also nein, auch wenn die Sauce darauf angewiesen wäre, dass sich süß und salzig liebevoll umarmen, um geschmacklich zu explodieren. Stattdessen gibt’s vielleicht einen Hauch Stevia, streng dosiert, weil man ja sonst fast schmecken könnte, dass Leben auch Genuss bedeutet.

Die Sojasauce? Natürlich nur die salzarme Version. Man will ja nicht, dass das Abendessen den täglichen Natriumhaushalt in Schieflage bringt. Dass das Gericht dadurch geschmacklich in etwa so spannend wird wie ein lauwarmer Gruß aus der Spülmaschine das übersieht man großzügig.

Und am Ende: Milch. Nein, bitte keine Milch. Mandelmilch ist viel besser, pflanzlich, nachhaltig und hat ja „auch irgendwas Nussiges“. Dass die Textur dadurch völlig anders wird und das Gericht plötzlich an eine leicht parfümierte Suppe erinnert, ist Nebensache. Hauptsache, sie ist laktosefrei und moralisch rein.

Dann steht man nach einer Stunde Arbeit vor dem Teller, blickt kritisch auf das Ergebnis und denkt: „Also – das schmeckt ja gar nicht so wie auf dem Foto!“ Tja, kein Wunder. Man hat nicht das Gericht gekocht, sondern eine philosophische Interpretation davon. Ein kulinarisches Gedicht über Selbstverwirklichung, aber kein Rezept.

Vielleicht ist das das eigentliche Missverständnis: Wer ein Rezept liest, liest kein Manifest zur persönlichen Ernährungsideologie, sondern eine präzise Anleitung, die auf Balance, Chemie und Erfahrung beruht. Eine gute Küche funktioniert wie ein Orchester. Jedes Instrument hat seine Rolle. Wenn aber der Dirigent (also unser Hobbykoch) alle Musiker ersetzt, weil ihm Geige, Trompete und Paukenschlag „zu klassisch“ sind, dann spielt eben keiner mehr schön.

Kurz gesagt: Man kann kein authentisches Gericht erwarten, wenn man alle Zutaten gegen ihre ernährungspsychologisch geprüften Cousins austauscht. Das ist, als würde man sich über Regen ärgern, nachdem man das Dach weggelassen hat, aus ästhetischen Gründen.

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