Schmeckt es oder schmeckt es nicht?

Im grenzenlosen Universum der Social-Media-Kulinarik hat sich längst ein eigenes Genre etabliert: das Mukbang. Menschen essen dabei vor laufender Kamera Mahlzeiten, die mitunter so groß sind, dass ein durchschnittlicher Familienvorratsschrank dabei nervös zuckt. Wer glaubt, es gehe nur ums Schlemmen, irrt gewaltig. Nein, diese Essensshows sind längst Bewertungswissenschaften geworden, und genau da liegt das Problem.

Man möchte einfach wissen: Schmeckt das oder nicht? Doch statt einer klaren Aussage bekommt man etwas wie:

„Das ist auf jeden Fall ein starkes A+, fast schon ein S minus!“
Äh… was?

Früher war Kulinarik einfach: „Schmeckt“ oder „Schmeckt nicht“. Heute gibt es Bewertungsskalen, die aussehen, als kämen sie aus einem Fantasy-Videospiel. Da ist von B+ bis SS alles dabei, manchmal garniert mit Emoticons oder Flammen-Symbolen für „extra würzig“. Und während man noch versucht, herauszufinden, ob S+ besser ist als A++, schiebt die Person schon die nächste Portion Kimchi-Nudel-Berg in sich hinein.

Regional wird’s dann richtig chaotisch. In Korea hat „S“ übrigens nichts mit der Schulnote „schwach“ zu tun, sondern steht für superior, also quasi das göttliche Nirwana kulinarischer Perfektion. In Japan kennt man das aus Videospielen: S-Rank bedeutet „über dem Besten“. In Europa dagegen denkt man bei S eher an „So lala“ oder bestenfalls „Sah gut aus, war aber nix“. Kein Wunder also, dass internationale Zuschauer völlig verwirrt zurückbleiben und sich fragen: Hab ich jetzt gerade Lehrstoff für ein Geschmackszertifikat verpasst?

Einige Creator treiben es noch auf die Spitze und kombinieren beide Systeme. Sie sagen Dinge wie:

„Für mich ist das so zwischen 10 und 11, aber nur auf der S-Skala, versteht ihr?“
Nein. Niemand versteht. Das ist die gastronomische Version von Quantenphysik.

Und dann gibt’s noch den regionalen Stolz. Besonders witzig, wenn jemand internationale Gerichte bewertet, aber klarstellt, dass „bei uns in Texas Kimchi halt eher nach Krautsalat schmecken sollte“. Jeder kommentiert mit landestypischer Moral, als ob der Geschmack von gegrillter Ente in Seoul dieselbe Bedeutung hätte wie auf einer oberösterreichischen Skihütte.

Das Ärgerliche daran: Diese Bewertungen helfen niemandem. Denn wenn jedes Land und jeder Creator seinen eigenen heiligen Bewertungsmaßstab pflegt, dann weiß am Ende keiner mehr, was S+, A+, oder 9 von 11 eigentlich bedeuten. Wir ertrinken in Bewertungsarithmetik, während der eigentliche Sinn, das Essen, längst erkaltet ist.

Vielleicht bräuchte man endlich eine globale Einigung: eine Weltformel des Genusses. Etwas Simples. Ein „Mhmm“ für lecker und ein „Meh“ für nicht lecker. Keine Noten, keine Buchstaben, keine S+-Mystik. Nur ehrliches, körpersprachliches Feedback, das jeder versteht.

Bis dahin bleibt Essen im Internet ein Hochleistungssport voller regionaler Stolznoten. Und während der eine gerade mit glänzenden Augen sein S++ vergibt, fragt man sich als Zuschauer einfach nur: Isst der das wirklich noch gern, oder will er nur das nächste Level erreichen?

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