Es ist ein immergrünes Schauspiel: Die einen empören sich, die anderen staunen – und am Ende hat niemand bemerkt, dass sich Geschichte schlicht wiederholt. Kaum fordert die jüngere Generation etwas Neues, kürzere Arbeitszeiten, mehr Freizeit, leistbares Wohnen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, schon tönt es aus den Reihen der Erfahreneren: „Also wir hatten das nicht, und wir leben auch noch!“
Das klingt tapfer, fast heroisch. Vieles, was heute selbstverständlich ist, wurde einst genau mit denselben Worten abgelehnt: „Völlig unrealistisch“, „zu teuer“, „faul macht das“ und meine persönliche Lieblingsphrase: „Das wird unser System ruinieren!“
Nehmen wir nur ein paar Beispiele:
- Die 40-Stunden-Woche. Als die Forderung aufkam, galt sie als skandalös. Heute gilt sie als heilige Kuh.
- Fünf Wochen Urlaub. Früher purer Luxus, heute gesetzlich verankertes Grundrecht. Man kann sich kaum vorstellen, dass Menschen tatsächlich darum kämpfen mussten, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen.
- Mieterschutz. Heute rettet er viele vor dem Alptraum unbezahlbarer Mieten. Damals hielten Eigentümer ihn für den Untergang der Marktwirtschaft.
- Gratis-Kindergarten. Frühkindliche Bildung für alle. Welch revolutionärer Gedanke! Jahrzehnte später nennt man’s einfach „vernünftig“.
All diese Errungenschaften waren einst Visionen. Ideen, die als Spinnerei abgetan wurden und jetzt ganz selbstverständlich genutzt werden.
Und doch ertönt immer wieder der gleiche Chor, sobald Neues kommt: „So weit darf es nicht gehen!“ Man stelle sich das einmal bildlich vor: eine Kompanie von ehemaligen Revolutionären, die inzwischen Pension beziehen, empört sich darüber, dass die nächste Generation Revolutionen anstößt. Dabei vergessen sie: Ohne ihre eigenen Aufstände säßen sie heute noch in der Fabrik, ohne Urlaub, ohne Schutz, ohne Stimme.
Der Mensch hat offenbar ein erstaunliches Talent: Er gewöhnt sich blitzschnell an Fortschritt und hält ihn danach für Naturgesetz. Zugleich wird jede neue Idee, die über den Tellerrand hinausgeht, mit demselben reflexhaften Misstrauen beäugt.
Dabei müsste man die Jugend eigentlich feiern. Sie macht doch genau das, was frühere Generationen getan haben. Nämlich das Leben ein Stück menschlicher, gerechter und lebenswerter gestalten. Die Grenzen verschieben sich, weil jemand sie verschiebt.
Es wäre also an der Zeit, ein bisschen Dankbarkeit mit Humor zu mischen: Vielleicht erinnern wir uns beim nächsten Rant über „die Jugend von heute“ daran, dass auch unsere Eltern und Großeltern einst für uns gestritten haben. Für Urlaub, Schutz, Freizeit, Chancen. Und sie haben’s geschafft, obwohl ihre Älteren sagten, das sei „der Anfang vom Ende“.
Das Einzige, was also wirklich „egoistisch“ ist, wäre, selbst auf den Schultern von Fortschritt zu stehen und nach unten zu rufen: „Steigt da bloß keiner mehr drauf!“






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