In unserer digitalisierten Welt gibt es zwei Arten von Menschen: die, die beim Anblick einer E-Mail mit Betreff „Ich helfe Ihnen, mehr Kunden zu gewinnen“ sofort nach dem Anwalt googeln und die, die dieselbe Nachricht achselzuckend ignorieren oder, Überraschung, tatsächlich neugierig öffnen.
Ersteres sind die selbsternannten Hüter des Datenschutz-Grals, die mit heldenhafter Empörung gegen jeden Versuch ankämpfen, ihnen etwas zu verkaufen. Dabei leben sie paradoxerweise in einer Welt, in der sie täglich Cookies akzeptieren, sich brav durch Instagram-Werbung scrollen und beim „Black Friday“-Newsletter-Abo ohne Zucken ihre E-Mail-Adresse hinterlassen. Frei nach dem Motto: „Werbung ist böse, außer sie bringt mir 20 Prozent Rabatt auf Sneaker.“
Es ist dieselbe Sorte Mensch, die empört „Wer hat Ihnen erlaubt, mich anzuschreiben?!“ in die Tastatur hackt und drei Stunden später einen Amazon-Warenkorb voller Spontankäufe abschließt.
Das Sticker-Orakel auf der Autoscheibe
Dann gibt es noch die Spezies mit dem „Nix Verkaufen. Nix Pickerl. Mein!“ Sticker auf der Heckscheibe. Ein kleines Kunstwerk passiver Aggression. Das Statement: „Ich bin unabhängig. Ich will keine Angebote. Ich weiß selbst, wann mein Pickerl abläuft.“
Seltsam nur, dass genau diese Leute am lautesten über steigende Reparaturkosten klagen und sich beim nächsten TÜV-Termin beschweren, dass keiner sie rechtzeitig erinnert hat. Der Antiverkäufer-Aufkleber ist also weniger Zeichen von Selbstbestimmung als vielmehr trotziges Schulhofverhalten.
Man könnte fast meinen, dieser Sticker soll gar keinen Verkäufer abwehren – sondern das eigene schlechte Gewissen, doch ein bisschen neugierig zu sein.
Prinzipien – oder einfach Laune?
Das Komische ist, dass diese Empörung oft gar nicht aus Prinzip, sondern aus Emotion entsteht. Der gleiche Mensch, der einen fremden Vertriebler empört blockt, würde einem „charmanten Start-up-Gründer“ begeistert antworten. Es ist also kein Kommunikationsdelikt, sondern eine Frage der Verpackung.
Das erinnert ein wenig an die Dating-Welt: Wenn der attraktive Typ im Café freundlich „Hi, darf ich mich kurz dazusetzen?“ sagt, ist das ein netter Flirt. Wenn der gleiche Satz von jemandem kommt, der nicht dem persönlichen Geschmack entspricht – plötzlich ist es „unangenehm“ oder gar „Grenzüberschreitung“.
Gleiches Muster in der Akquise: Ist die Botschaft elegant formuliert, mit einem interessanten Produkt – boom, plötzlich ist das Business Networking. Ist sie schlecht getimed oder passt das Produkt gerade nicht? Dann beginnt der Shitstorm über „unerwünschte Kontaktaufnahme“.
Fazit: Wir kaufen Sympathie, nicht Produkte
Am Ende verkaufen Verkäufer keine Produkte, sondern Resonanz.
Das Publikum vergisst oft, dass jeder selbst Verkäufer ist: von seiner Meinung, seiner Arbeit, seinem Profil auf LinkedIn. Gerade die lautesten Akquise-Gegner posten oft stolz eigene Angebote – in der Hoffnung, dass jemand anderes nett genug antwortet, statt genervt zu reagieren.
Die Moral der Geschichte: Man sollte Akquise-Nachrichten lesen wie Komplimente. Nicht alle sind gut formuliert, aber sie richten keinen Schaden an und manche enthalten ein echtes Angebot, das unser Leben angenehmer machen könnte.
Und mal ehrlich: Wenn das Angebot wirklich gut ist, dann klickt auch der größte Prinzipienreiter am Ende doch auf „Antworten“.







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