Überall Steuerverschwendung! Oder doch nicht?

Wenn Boulevardmedien über Steuerverschwendung berichten, klingt das meist wie eine Mischung aus Empörung, Drama und Stammtischpoesie. „700.000 Euro für ein Logo!“ heißt es dann, während man im Kopf schon den Bürgermeister in der goldenen Badewanne plantschen sieht. Was diese Schlagzeilen aber gerne verschweigen: Hinter diesen Zahlen steckt selten nur ein hübsches Logo und ein paar PowerPoint-Folien.

In Wahrheit verbirgt sich dahinter oft ein ganzes Projekt mit neuen Webseiten, Kommunikationsstrategien, Bürgerportalen, Designsystemen, Sicherheitszertifikaten, IT-Infrastruktur, Barrierefreiheit, Workshops, Schulungen und allem drum und dran. Das „Logo“ ist oft nur das sichtbare Zipfelchen auf dem Eisberg der Verwaltungsdigitalisierung. Aber „Stadt investiert in langfristige Modernisierung ihrer Identität und IT-Architektur“ klickt sich eben nicht so spektakulär wie „700.000 Euro für Strichmännchen und Comic-Schriftart“.

Die öffentliche Empörung funktioniert da nach einem einfachen Prinzip: Je kleiner der sichtbare Nutzen, desto größer der Aufschrei. Dass hinter einem neuen Stadtlogo manchmal eine ganze Corporate-Design-Strategie steckt, die künftige Druckkosten senkt, digitale Services vereinheitlicht oder das Stadtimage modernisiert, passt nicht so recht in die Dramaturgie des „Empörungsfrühstücks“.

Natürlich gibt es echte Steuerverschwendung. Sinnlose Prestigeprojekte, vergoldete Kreisverkehre und Beraterhonorare mit Höhenangst. Doch in vielen Fällen sind die „Skandale“ eher Missverständnisse zwischen komplexer Projektlogik und einfacher Schlagzeilenmechanik.

Das Problem: Komplexität verkauft sich schlecht. Es gibt kein Publikum für die Erklärung, dass die 700.000 Euro über mehrere Jahre fließen, Ausschreibungen beinhalteten, Agenturen, Programmierer, Übersetzer und Juristen dranhängen. Der Leser will lieber den wütenden Vergleich: „So viel kostet ein Feuerwehrwagen!“ Das beruhigt das Gerechtigkeitsempfinden, auch wenn Feuerwehrwagen und Markenentwicklung ungefähr so viel gemeinsam haben wie ein Gartenschlauch und eine Sinfonie.

Letztlich ist es ein kommunikatives Dilemma: Die Verwaltung arbeitet an nachhaltigen, oft notwendigen Projekten und die Presse verkauft daraus ein Stück Alltagsempörung. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo zwischen Rotweinabend und Rechnungsprüfungsausschuss: Es wird Geld verschwendet, ja. Aber bei weitem nicht jedes Preisschild ist ein Skandal.

Vielleicht wäre die ehrlichste Schlagzeile also diese:
„Stadt investiert in professionelles Erscheinungsbild und Kommunikation, wird dafür von Internet-Kommentaren hingerichtet.“

Oder kurz: Die Empörung ist groß, weil die Realität zu langweilig ist.

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