Die Menge macht das Gift

Manchmal klingt die Welt wie ein Kindergarten, in dem alles entweder sofort „böse“ oder „gut“ ist. Aber dann kommt diese schnörkellose Weisheit aus der Pharmazie um die Ecke und ruft: „Entspann dich, es kommt auf die Dosis an!“ Und siehe da: Plötzlich ergibt alles Sinn.

Beispiel 1: Pünktlichkeit.
Fünf Minuten zu spät zu kommen ist ungefähr so schlimm wie wenn der Toast etwas dunkler aus dem Toaster hüpft. Es nervt kurz, aber es verbrennt dir nicht gleich die Seele. Wenn man jedoch konsequent eine halbe Stunde verspätet einschneit, sendet man ein Signal: „Zeit ist für mich ein dehnbarer Gummibandartikel, eure aber weniger Wert.“ Und das ist dann kein kleiner Fauxpas mehr, sondern eben die angesammelte Giftmenge der Unpünktlichkeit.

Beispiel 2: Ängste.
Einmal im Jahr Höhenangst zu haben, wenn man im Riesenrad ganz oben als menschliches Grillhähnchen rotiert, ist völlig normal. Aber wenn plötzlich jede Treppenstufe, jede Klingel und jede Einkaufsschlange die Panikdrüsen anwirft, dann ist etwas chronisch vergiftet. Die Dosis an Stresshormonen ist da einfach zu hoch. So wird der natürliche Sicherheitsalarm („Vorsicht, tiefer Abgrund!“) zu einem Dauerfeueralarm ohne Brand, was für eine psychische Krankheit spricht.

Beispiel 3: Wein.
Abends ein Glas Rotwein? Die meisten Ärzte würden sagen: „Na gut, solange du dir nicht gleich ein elegantes Weinfass mit Zapfhahn im Wohnzimmer aufstellst.“ Ein Glas ist Kultur, zwei Gläser sind Genuss, 10 Gläser nacheinander sind… nun ja, definitiv das, was Paracelsus im 16. Jahrhundert gemeint hat, als er über Gifte nachdachte.

Weitere Beispiele im Alltag:

  • Süßigkeiten: Ein Stück Kuchen = Freude. Eine ganze Torte alleine verschlingen = Bauchweh und Selbsthass.
  • Arbeit: Ein bisschen Überstunden = Engagement. Ständig Überstunden = Burnout statt Bonus.
  • Sport: 3 Mal die Woche joggen = gesund. 2 Mal täglich joggen = Willkommen im Orthopäden-Abo.
  • Handynutzung: Abends nochmal schnell Instagram checken = nett. Dauer-Scrollen bis 3 Uhr morgens = Dein Smartphone ist dann praktisch das neue Organ.

Fazit:
Das Leben ist kein Schwarz-Weiß-Film. Fast alles ist in kleinen Dosen entweder nützlich oder zumindest harmlos und erst in Übertreibung kippt es ins Absurde oder ins Gefährliche. Paracelsus, der Vater dieser Weisheit, hätte wahrscheinlich gelacht, wenn er wüsste, dass wir seine Erkenntnis heute sogar fürs Zuspätkommen anwenden.

Also: Lass dir den Kuchen schmecken, stoße mit einem Glas an, sei mal spät dran, aber übertreib’s halt nicht. Denn am Ende ist es tatsächlich so: Nicht das Ding selbst ist schlecht. Sondern wie oft, wie viel, und wie dick wir draufhalten.

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