TRINKGELD-KULTUR

Stellen Sie sich vor: Sie stehen an der Kasse Ihres Lieblingsbäckers, haben gerade ein Brötchen und einen Kaffee bezahlt – und plötzlich fragt Sie das Kartenlesegerät mit unschuldigem Augenaufschlag: „Möchten Sie 10 %, 15 % oder 20 % Trinkgeld geben?“ Sie schauen sich um, ob irgendwo ein Kellner mit Silbertablett steht, der Ihnen das Brötchen am Tisch serviert hat. Aber nein, Sie haben sogar selbst gezahlt, das Tablett getragen und den Kaffee eingeschenkt. Willkommen in der neuen Welt des „Trinkgelds für alles“!

1. Ich subventioniere nicht den Lohn des Angestellten

Seien wir ehrlich: Wenn ich für mein Brötchen bezahle, möchte ich nicht gleichzeitig den Lohn des Angestellten aufbessern. Ich bin schließlich nicht das Sozialministerium! Es ist doch absurd, dass ich als Kunde plötzlich die Verantwortung für faire Bezahlung übernehmen soll. Wenn das so weitergeht, fragt demnächst auch der Busfahrer, ob ich ihm für die flotte Kurvenfahrt noch einen kleinen Obolus dalasse.

2. Die Verantwortung liegt beim Unternehmen

Liebe Unternehmen, hört gut zu: Es ist eure Aufgabe, eure Mitarbeiter ordentlich zu entlohnen. Ihr verkauft uns schließlich auch keine halben Brötchen und sagt dann: „Den Rest können Sie ja selbst backen!“ Wer gute Arbeit will, muss gutes Geld zahlen – und das bitte aus der eigenen Tasche. Wenn wir anfangen, Löhne über Trinkgeld zu finanzieren, können wir auch gleich die Stromrechnung im Restaurant übernehmen. Oder den Koch direkt adoptieren.

3. Trinkgeld ist ein freiwilliges „Dankeschön“

Trinkgeld war früher mal ein freundliches Extra, ein kleines „Danke“ für besonderen Service. So wie ein Blumenstrauß für die Schwiegermutter – nicht verpflichtend, aber gern gesehen. Doch jetzt? Jetzt wird es erwartet wie der Geburtstagskuchen am eigenen Ehrentag. Das nimmt dem Trinkgeld jeden Charme! Wenn ich gezwungen werde, danke zu sagen, klingt das ungefähr so herzlich wie ein „Herzlichen Glückwunsch“ vom Chef, der den Geburtstag vergessen hat.

4. Besonders frech: Trinkgeld bei Selbstbedienung

Der Gipfel der Dreistigkeit ist aber erreicht, wenn ich beim Selbstbedienungsrestaurant oder am Imbissstand Trinkgeld geben soll. Ich habe mein Tablett selbst getragen, meinen Platz selbst gesucht und den Ketchup eigenhändig auf die Pommes gedrückt – und jetzt soll ich für meine eigene Leistung auch noch zahlen? Das ist, als würde der Supermarkt an der Kasse fragen, ob ich für das Einscannen der Ware noch einen kleinen Bonus springen lasse.


Fazit: Lasst uns das Trinkgeld retten!

Trinkgeld soll ein Zeichen der Wertschätzung bleiben – freiwillig, ehrlich und für echten Service. Die amerikanische Trinkgeld-Kultur mag in Hollywood-Filmen funktionieren, aber bei uns sollte sie lieber im Abspann stehen. Also: Bezahlt eure Leute anständig, liebe Unternehmen, und lasst uns Gästen die Freiheit, selbst zu entscheiden, wann wir ein Extra geben wollen. Und bitte, bitte: Kein Trinkgeld für Selbstbedienung!

In diesem Sinne: Bleiben Sie großzügig – aber nicht leichtgläubig!

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