Weitere Etikettenschwindel

Vor einiger Zeit haben wir einen Blick auf den Etikettenschwindel der Lebensmittelindustrie geworfen. Nun machen wir das auch bei anderen Produktgruppen.

Die angeblichen Traumwerte von Autos, Handys, Staubsaugern und Klimaanlagen sind die Märchenschlösser der Werbeindustrie: In der Praxis sind sie oft so realitätsfern wie eine steckbrieflich gesuchte Einhornherde. Die Werte entstehen unter „Laborbedingungen“, die in etwa so viel mit dem Alltag zu tun haben wie ein Gourmetkoch mit Fertiggerichten. Und selbst im Labor sind sie kaum erreichbar.

Auto-Reichweite: Von der Windkanal-Utopie zum Stau-Desaster

Die versprochene Reichweite eines E-Autos zum Beispiel wird auf perfekten Teststrecken gemessen, mit konstanten 23°C, ohne Gegenwind, ohne Heizung, Klimaanlage oder Radio. Der Fahrer ist ein asketischer Pilger, das Auto rollt im Operationssaal-Tempo. Im echten Leben aber: Stau, kalte Witterung, Spotify auf Anschlag, und – schwupps – die Reichweite schmilzt schneller als ein Eiswürfel in der Sahara.

Handy-Akkulaufzeit: Nur, wenn du das Gerät meditativ anschaust

Hersteller versprechen Sprechzeiten von 18, 24, manchmal 48 Stunden. Gemeint ist dabei: Das Handy liegt im Flugmodus auf dem Nachttisch und wird höchstens durch einen vorsichtigen Blick gestreift. Sobald man Netflix öffnet, navigiert oder drei Minuten Instagram scrollt, verwandelt sich das Technikwunder in einen eiligen Akkusucher.

Staubsaugerleistung: Watt für die Steckdose, nicht den Dreck

Hier wird gerne die Wattzahl als Saugleistung verkauft. Allerdings zeigt sie nur den Energieverbrauch und nicht, wie gut das Teil Flusen aufsaugt. Die meisten Leistungsangaben werden mit leerem Filter, frisch gewaschenem Staubbehälter und blitzblankem Teppich ermittelt. Im echten Leben kämpft der Sauger gegen verstopfte Filter, verdreckte Düsen und Katzenhaare. Da nutzt der Traumwert von „400 Air Watt“ so viel wie 400 PS im Stau.

Klimaanlage-Kühlleistung: Die Arktis im Prospekt, die Tropen in der Wohnstube

Die versprochene Kühlleistung gilt für ideal isolierte Räume, ohne Sonneneinstrahlung, ohne laufende Menschen, Computer oder Haustiere. Sobald ein Sonnenstrahl durch das Fenster fällt, der Herd glüht oder die Familie ihre abendliche Tanzeinlage startet, machen sich von den beworbenen Kilowatt nur noch laue Lüftchen bemerkbar.

Warum sind diese Werte fast nie erreichbar?

  • Laborbedingungen: Die Werte werden unter Bedingungen gemessen, die im Alltag praktisch nie vorkommen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, kein Wind, leerer Raum, keine Zusatzfunktionen).
  • Messmethoden-Trickser: Für jede Produktgruppe gibt es noch eigene Messnormen, oft von der Industrie mitentwickelt. Damit werden auch kleinste Vorteile subtil maximiert.
  • Werbezauber: Statt Alltagstest zählt der reine Maximalwert – „bis zu“, „unter optimalen Bedingungen“, „kein Zusatzverbrauch“.

Fazit: Die Werbewerte sind die Horoskope unserer Konsumwelt

Im Prospekt hält das E-Auto ewig, das Handy versorgt digital bis zur nächsten Eiszeit, der Staubsauger saugt wie ein Schwarzes Loch, und die Klimaanlage verwandelt das Wohnzimmer in die Antarktis, aber eben nur auf dem Papier. Im echten Leben gilt: Werbeversprechen sind wie Glückskekse. Ein bisschen Hoffnung, jede Menge Fantasie, aber selten mehr als heiße Luft und kalte Fakten.

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