Die Nicht-Wegschmeisser

Es gibt eine ganz besondere Spezies unter uns Menschen, nennen wir sie mal die „kreativen Aufheber“. Sie sind keine notorischen Messies, bei denen man sich versehentlich zwischen Wolldecken von 1973 und kaputten Toastern verirrt. Nein, diese Menschen sind charmant, gepflegt und wirken auf den ersten Blick völlig normal, bis sie einen in den Keller oder die „geheime Abstellkammer“ bitten.

Stellen Sie sich Folgendes vor: Der letzte Umzug ist schon über ein Jahrzehnt her. Niemand weiß mehr so genau, was eigentlich in dem mysteriösen Karton hinter dem Heizungsrohr schlummert („Vorsicht, da war früher mal etwas Flüssiges drin, vielleicht Marmelade von Tante Inge, die sich jetzt selbstständig gemacht hat!“). Doch der Gedanke, ihn einfach in den Müll zu befördern? Undenkbar! Schließlich KÖNNTE der Inhalt ja irgendwann noch gebraucht werden, zum Beispiel für das nächste Bastelprojekt, das zwar bisher nur als wilde Fantasie in der Silvesternacht geboren wurde, aber man weiß ja nie.

Die leidenschaftlichen „Vorratsbewahrer“ horten nicht aus Zwang oder innerem Chaos, ihre Motivation ist vielschichtiger. Erinnerungen spielen natürlich eine Rolle: „Ach, weißt du noch, der kaputte Mixer… der war unser erster!“ Aber auch der unverwüstliche Optimismus, dass Dinge ein zweites, drittes oder achtes Leben bekommen könnten. Und das Argument „Das war mal richtig teuer!“ darf auf keinen Fall fehlen, selbst wenn es dabei um einen Elektroofen vom Sperrmüll oder den legendären Tennisball aus der Volksschulzeit geht („Der ist noch gut!“).

Ihre Wohnungen, Keller und Dachböden sind ein Sammelbecken für alles, was das Leben so mit sich gebracht hat: Einzelne Fundstücke aus fernen Urlauben („Diese Muschel wollte ich noch irgendwann in ein Mobile einbauen!“), nie benutzte Fonduesets („Super für einen Schweizer Abend! Wenn wir denn mal einen planen…“), ein ganzes Arsenal von Ersatzkabeln, bei denen niemand mehr weiß, wozu sie jemals gehörten, und natürlich mindestens drei leere Schuhkartons. Könnte man ja noch fürs nächste Geschenk weiterverwenden!

Und dann die endlosen Schönwetter-Ausreden: „Das brauche ich bestimmt noch mal“, „Das kann man sicher noch verkaufen“ oder: „Da fällt mir bestimmt noch was ein, wie ich das nutze“. Spoiler: Meistens bleibt doch alles in der Kiste. Es werden sogar echte Mini-Rituale daraus: Einmal im Jahr fassen sich die Aufheber ein Herz und öffnen eine der staubigen Kisten, nur um nach kurzem Blick festzustellen: Nein, das kann ich nicht wegwerfen, da hängt einfach zu viel Seele dran. Also lieber doch wieder zu und zurück ins Regal.

Werfen wir einen Blick auf die Wunderkammern: Da finden sich Akkordeons aus den 60er Jahren („Für den Fall, dass ich eines Tages Musikunterricht nehme“), etwa sieben Glühbirnen in Formaten, wie sie seit Ewigkeiten nicht mehr im Handel sind („Die kommen wieder in Mode, warte ab!“), oder die atemberaubende Sammlung von Plastiksackerl, weil Plastiksackerl ja „so rar“ geworden sind. Fußballsticker-Alben, längst verlorene Puzzle-Teile („Bestimmt taucht das passende Puzzle wieder auf“), alte Handys, die sich höchstens noch als Briefbeschwerer eigenen, teure Kaffeetassen mit Sprüngen („Behalte ich für Ersatzteile“), und zu guter Letzt das tückische Konvolut an zu kleinen Hosen („Bestimmt pass ich da irgendwann wieder rein…“).

Was sagt das alles über ihre Besitzer? Sie sind wahre Meister im Erfinden von Rechtfertigungen! Ihre Wohnungen praktizieren das Lebensmotto: „Vielleicht“ und „Man weiß ja nie“. Sie probieren regelmäßig zu entrümpeln, aber meist schaffen sie es nur, einen alten Werbeprospekt zu entsorgen, aber auch nur, wenn sicher ist, dass kein Rezept oder Schnäppchen darin steht.

Manchmal, wenn sie sich ganz mutig fühlen, geben sie sich einen Energieschub und sortieren gleich drei Kartons aus. Am Ende der Aktion stehen dann allerdings fünf Kartons nebeneinander, nach Themen sortiert. Denn: Behalten ist doch meistens sicherer. Schließlich wäre es fatal, wenn man den verrosteten Einmachring dann doch noch brauchen würde!

Wer also einen dieser sympathischen Sammel-Philosophen kennt: Keine Sorgen, das sind keine krankhaften Horder. Das sind Optimisten und Fantasiebesitzer im besten Sinne. Sie glauben einfach fest daran, dass jede alte Vase, jedes einzelne Fonduegabelchen, jeder Kabelbinder und jede Gebrauchsanweisung eines Tages ihren großen, glorreichen Auftritt haben werden! Bis dahin warten die Dinge eben noch ein weiteres Jahrzehnt im Keller, zusammen mit den Resten der schönsten Erinnerungen, den potenziellen Bastelprojekten und dem ewigen Glauben an das Comeback der Nostalgie.

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