Stell dir vor, du sitzt im Café, blätterst in einem Ratgeber und liest: „Du musst dich selbst wieder in den Mittelpunkt stellen! Höre auf, dich für andere aufzuopfern! Sag öfter mal Nein!“ und während du das liest, nippt am Nachbartisch jemand an seinem Soja-Latte, postet ein Selfie mit dem Hashtag #selfcare und nickt zustimmend. Willkommen im Zeitalter der Selbstoptimierung, in dem ausgerechnet „Selbstliebe“ und „Selfcare“ zur neuen Religion erhoben werden. Aber mal ehrlich: War der moderne Mensch jemals so selbstlos, dass er jetzt dringend lernen muss, sich selbst zu bevorzugen?

1. Die Generation „Ich“ erfindet das Ich neu

Früher, so behaupten es zumindest die Ratgeber, hätten wir uns ständig für andere aufgeopfert. Wir hätten unsere eigenen Bedürfnisse immer hinten angestellt, für Freunde, Familie, Kollegen, den Goldfisch. Die Realität? Die meisten von uns haben schon immer ziemlich gut auf sich selbst aufgepasst. Wer hat sich denn nach einem stressigen Arbeitstag nicht erstmal selbst mit Netflix, Schokolade und Lieferpizza belohnt? Wer hat nicht schon mal einen Geburtstag „vergessen“, weil das eigene Wochenende wichtiger war? Und wer hat nicht schon mal „keine Zeit“ gehabt, weil das Sofa so laut gerufen hat?

2. Selbstoptimierung als neue Ausrede

Die neuen Ratgeber liefern jetzt die perfekte Ausrede für alles: „Sorry, ich kann dir beim Umzug nicht helfen. Ich muss auf mich achten.“ „Nein, ich komme nicht zu deinem Geburtstag. Ich praktiziere gerade radikale Selbstfürsorge.“ Früher nannte man das schlicht Egoismus, heute ist es ein Lifestyle-Trend mit Instagram-Filter. Die Tipps lauten: „Gönn dir!“, „Tu, was dir guttut!“, „Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben!“ – als ob wir das nicht schon längst verinnerlicht hätten. Wer hat denn jemals freiwillig auf die letzte Pizza im Karton verzichtet? Eben.

3. Das Märchen vom aufopfernden Gutmenschen

Die Vorstellung, dass wir alle jahrelang wie Märtyrer durch die Welt gelaufen sind, ist ungefähr so glaubwürdig wie die Diätversprechen auf der Rückseite von Schokolade. Natürlich gibt es Menschen, die sich für andere einsetzen, aber der Durchschnittsmensch? Der hat schon immer ziemlich gut für sich gesorgt. Die meisten von uns haben ein feines Gespür dafür, wann es Zeit ist, sich zurückzulehnen und das Leben zu genießen. Und wenn wir mal doch etwas für andere tun, dann meistens, weil es uns selbst auch ein gutes Gefühl gibt. Altruismus mit Wohlfühlfaktor, sozusagen.

4. Selfcare – jetzt auch als Ausrede für alles

Der eigentliche Clou: Mit dem neuen „Ich zuerst!“-Trend kann man endlich alles rechtfertigen. Keine Lust auf ein Meeting? „Ich muss auf meine Work-Life-Balance achten.“ Keine Energie für die Schwiegermutter? „Ich praktiziere Achtsamkeit.“ Das Leben wird zum Wellness-Programm, und wer sich doch mal für andere einsetzt, postet es sofort auf Social Media, damit auch alle wissen, wie selbstlos man war (und wie gut das neue Selfcare-Serum wirkt).

Fazit:

Die meisten von uns waren nie die aufopfernden Engel, als die uns die Ratgeber jetzt verkaufen wollen. Wir waren schon immer ziemlich gut darin, auf uns selbst zu achten, manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Die neue Welle der Ego-Ratgeber ist also vor allem eines: eine herrlich absurde Selbstbestätigung für das, was wir sowieso schon tun. Und wenn wir ehrlich sind, tut es manchmal auch einfach gut, darüber zu lachen und sich die letzte Pizza zu schnappen. Natürlich ganz im Sinne der Selbstfürsorge!

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Alles geht – nix muss

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