SCHAU ÜBER DEN TELLERRAND

„Man muss auch über den Tellerrand schauen!“ – kaum ein Spruch wird im Arbeitsleben so oft bemüht, wenn es um Innovationsgeist, Teamwork oder die nächste PowerPoint-Folienorgie geht. Doch wer tatsächlich versucht, den Kopf ein Stück über den Porzellanrand zu heben, merkt schnell: Das wird meist gar nicht so gerne gesehen. Warum? Hier eine Analyse.


1. Über den Tellerrand schauen – aber bitte nicht zu weit!
Im Meeting wird gern dazu aufgerufen, neue Perspektiven einzubringen. Sobald aber jemand vorschlägt, beim nächsten Projekt mal wirklich etwas anders zu machen, herrscht plötzlich betretenes Schweigen. Über den Tellerrand schauen ist super – solange man dabei nicht die Tischdecke durcheinander bringt. Wer zu weit blickt, läuft Gefahr, als „unruhiger Geist“ oder „Querdenker“ abgestempelt zu werden. Und das ist im Büroalltag ungefähr so beliebt wie kalter Kaffee.


2. Die Komfortzone ist ein Hochsicherheitsbereich
Jeder liebt seine Routinen: Die Excel-Tabelle, die seit 2003 funktioniert, das bewährte Protokoll, der immer gleiche Jour Fixe. Wer zu laut fragt, warum wir das eigentlich alles so machen, wie wir es machen, wird schnell gebeten, sich doch lieber auf seine Kernaufgaben zu konzentrieren. „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ heißt es dann freundlich, aber bestimmt. Über den Tellerrand schauen? Ja, aber bitte nur, wenn man danach schnell wieder brav auf den eigenen Teller zurückkehrt.


3. Innovation – aber bitte ohne Veränderung
Chefs lieben Innovation. Zumindest solange sie keine Umstrukturierung, Budgetverschiebung oder gar neue Verantwortlichkeiten bedeutet. Wer beim Blick über den Tellerrand feststellt, dass andere Abteilungen oder gar andere Unternehmen etwas besser machen, muss sich auf Gegenwind gefasst machen: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ ist die inoffizielle Nationalhymne der Bürokratie. Wer trotzdem auf Veränderungen besteht, wird schnell als Störenfried wahrgenommen.


4. Die Angst vor dem Kontrollverlust
Über den Tellerrand schauen bedeutet, Dinge zu hinterfragen und vielleicht sogar neue Wege vorzuschlagen. Das ist für manche Führungskräfte so angenehm wie ein Zahnarztbesuch ohne Betäubung. Denn neue Ideen könnten ja bedeuten, dass der Chef etwas nicht weiß – und das geht gar nicht. Lieber bleibt man beim Altbewährten und lobt die Kreativität im nächsten Mitarbeitergespräch, solange sie nur auf Papier existiert.


5. Netzwerk? Ja, aber bitte ohne Austausch
Natürlich soll man sich mit anderen Fachbereichen austauschen und voneinander lernen. Aber wehe, man übernimmt tatsächlich eine Idee von außen! Dann wird schnell klar gemacht, dass „unsere Abläufe“ einzigartig sind und man sich nicht einfach fremde Methoden aneignen kann. Über den Tellerrand schauen? Gern – aber bitte nicht abschreiben!


Fazit:
Der Blick über den Tellerrand wird gern propagiert, solange er nicht zu neuen Fragen, Aufgaben oder gar Veränderungen führt. Am Ende wollen die meisten doch lieber auf ihrem eigenen Teller bleiben – schließlich weiß man, was man hat. Und sollte doch mal jemand zu weit schauen, hilft immer noch der altbewährte Spruch: „Das ist bei uns halt anders.“ In diesem Sinne: Guten Appetit – und immer schön auf den eigenen Teller konzentrieren!

Alles geht – nix muss

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