Es gibt diesen ganz besonderen Menschenschlag, der auf Festivals gerne barfuß läuft, seine Spotify-Playlist „Underrated Real Artists Only“ nennt und beim Wort Mainstream einen allergischen Ausschlag bekommt. Für diese Menschen ist wahre Kunst eine zarte, scheue Pflanze, die nur im Schatten der Erfolglosigkeit blühen kann. Sobald sie das Sonnenlicht des Umsatzes sieht – zack! – welkt sie dahin, verkauft ihre Seele und läuft plötzlich im Radio.
Dabei folgt dieser merkwürdige Gedanke einem einfachen, fast philosophischen Prinzip: Qualität ist invers proportional zum Kontostand. Sprich – je leerer die Brieftasche des Künstlers, desto „echter die Kunst“. Wenn ein Musiker noch in einer WG wohnt und seine Gitarre als Pfand hinterlegt, ist das authentisch. Wenn dieselbe Person dann zwei Jahre später ein Musikvideo mit Beleuchtung und Budget dreht, ist das kein Erfolg – das ist „Kommerz“ und, schlimmer noch, Verrat an der Szene.
Der Witz daran ist: Niemand scheint so recht zu wissen, wo genau die magische Grenze zwischen ehrlicher Kunst und kapitalistischem Untergang verläuft. Ist es der erste Werbedeal? Das erste Festival mit Eintrittspreis? Oder schon, wenn der Song im Supermarkt läuft, während man Gurken kauft? Sicher ist nur: Sobald der Künstler davon leben kann, was er liebt, ist das für manche offenbar ein Kardinalverbrechen.
Ironischerweise fordern genau dieselben Leute „mehr Förderung für die Kunst“. Aber wehe, der Künstler macht tatsächlich Geld! Dann schreien sie: „Der verkauft sich!“ – als wäre finanzielle Stabilität eine moralische Schwäche. Dabei ignorieren sie völlig, dass Miete, Essen und Gitarre-Saiten nicht mit „künstlerischer Integrität“ bezahlt werden können.
Das Ganze wäre ja halb so schlimm, wenn dieser Anti-Kommerz-Gedanke nicht so herrlich selbstwidersprüchlich wäre. Man beklagt, dass gute Kunst „unterbewertet“ ist – und sobald sie bewertet wird (also Erfolg hat), ist sie überbewertet. Dieser Zirkelschluss könnte als Performancekunst durchgehen.
Und seien wir ehrlich: Wenn der Maßstab für Qualität wirklich mangelnder Erfolg wäre, dann wären erfolglose Influencer, gescheiterte Bands und schlecht besuchte Theateraufführungen automatisch Meisterwerke. Ganz nach dem Motto: „Niemand mag’s? Dann muss es genial sein!“
Vielleicht ist es einfach bequemer, das Genie im Geheimen zu feiern. Man hat das Gefühl, Teil eines elitären Clubs zu sein – dem Club der Eingeweihten, die „die Band schon kannten, bevor sie im Fernsehen waren“. Nichts bedroht das Selbstbild eines wahren Kultur-Avantgardisten so sehr wie der Gedanke, dass plötzlich jeder Otto Normalverbraucher auch mitsummen kann.
Am Ende bleibt also eine einfache Wahrheit: Erfolg macht Kunst nicht schlechter – er macht sie nur sichtbarer. Und wer sich dann abwendet, hatte wohl nie ein Problem mit dem Kommerz, sondern einfach mit dem Gedanken, dass sein exklusiver Geschmack plötzlich allen offensteht.






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