Stell dir Kommentarspalten zu Klima, EU und E‑Autos wie einen virtuellen Hühnerstall vor. Irgendwo schreibt jemand „Verbrenner-Verbot“, „Brüssel“ oder „E‑SUV“ – Klick! – und sofort geht ein ohrenbetäubendes „tschiep tschiep“ der Empörung los. Cialdinis Klick‑Surr‑Effekt passt hier erstaunlich gut: Ein Triggerwort, und im Kopf startet ein fest verdrahtetes Reaktionsprogramm, das ganz automatisch abläuft – wie ein Kassettenrekorder, der eine einzige, sehr laute Kassette kennt.​

Ursprünglich kommt das Bild aus der Verhaltensforschung: Bei Tieren reicht manchmal ein einziges Signal, damit ein komplexes Verhalten losgeht – bei der Truthenne das Piepsen der Küken, bei uns sind es Reizworte und Symbole. In der Psychologie und Verkaufslehre wurde daraus die Beobachtung: Wir nutzen solche „inneren Schalter“, um schnell Entscheidungen zu treffen – praktisch im Supermarkt, aber explosiv im Netz, wo alles gleichzeitig politisch, moralisch und persönlich aufgeladen ist.​

Bei Klima, EU und E‑Autos reden wir längst nicht mehr über Sachfragen, sondern über Identität. „EU“ steht dann nicht für eine Institution, sondern für Bevormundung, „Klima“ für Verzicht, „E‑Auto“ für Ökodiktatur auf Rädern. Jede Überschrift zu CO₂‑Grenzwerten, Brüsseler Beschlüssen oder Ladeinfrastruktur wird als Angriff auf das eigene Lager gelesen – und zwar noch bevor der Artikel wirklich durchgelesen ist, falls das überhaupt passiert.

Warum können die Gegner dieser Themen nicht einfach weiterscrollen? Weil sich Klick‑Surr‑Effekt und Empörungsökonomie perfekt ergänzen. Die Plattformen sind so gebaut, dass Empörung mit Reichweite belohnt wird: Polarisierende Inhalte erzeugen mehr Kommentare, mehr Verweildauer, mehr Shares – genau die Signale, auf die Algorithmen anspringen. Wer also wütend gegen „die Klimasekte“ oder „die Brüsseler Bürokraten“ schreibt, sorgt ungewollt dafür, dass der unbeliebte Inhalt noch mehr Menschen erreicht, inklusive weiterer Empörungswilliger.

Subjektiv fühlt sich das ganz anders an. Wie Cialdini beschreibt, wirken solche Muster wie innere Verpflichtungen: Man muss etwas sagen, man kann das so nicht stehen lassen. Unter Pseudonym, ohne Blickkontakt und soziale Bremse, verwandelt sich ein leises „Naja, sehe ich kritisch“ in ein „Ihr habt doch alle den Verstand verloren!!“ – und der nächste Mini‑Shitstorm rollt los.​

Die berühmten „alternativsten Fakten“ sind dabei kein Ausrutscher, sondern System. Wenn neue Informationen das Weltbild bedrohen, setzt kognitive Dissonanz ein – dieses unangenehme Ziehen im Kopf, wenn Realität und Überzeugung nicht passen. Um das zu beruhigen, sucht man Belege, die die eigene Sicht retten: Einzelstudien aus fremdem Kontext, veraltete Daten, Anekdoten („In Norwegen ist ein E‑Auto im Winter stehen geblieben, also…“), alles ist willkommen. Ein paar Prozentzahlen und Fachbegriffe dazu, und schon wirkt das wie exklusive Insider‑Expertise – ein neuer Klick‑Surr‑Effekt bei den Mitlesenden.

Am Ende siehst du in jeder hitzigen Kommentarspalte ein kompaktes Psychologie-Seminar: Ein Reizwort löst das alte Programm aus, das Programm produziert Empörung, Empörung erzeugt Reichweite, Reichweite zieht den nächsten Trigger nach sich. Für alle Beteiligten fühlt es sich an wie „gesunder Menschenverstand gegen Ideologie“ – in Wahrheit ist es oft: Cialdini trifft Shitstorm, Truthenne trifft Tastatur, Klick trifft Surr.

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